Klassentreffen

Nach zwanzig Jahren hatte Elisabeth zum Klassentreffen eingeladen. Hans sagte zu. Er war neugierig, was aus den anderen geworden war. Die Klasse an der Realschule in Lingen hatte im Jahr 1966 ihren Abschluss gemacht. Hans war nach Ostfriesland gezogen und lebte mit seiner Familie in Leer.
Er fragte sich, wie Elisabeth seine Adresse herausgefunden hatte. Das musste er unbedingt wissen. Sie hatte kurz vor dem Treffen noch mal geschrieben und erwähnt, wer kommen wollte. Sie hatte vierzehn Zusagen. Einige hatten sich nicht gemeldet, von einigen hatte sie die Anschrift nicht herausbekommen und zwei damalige Mitschülerinnen waren gestorben. Aber wichtig für ihn war, dass er seinen Freund Basti Weiß wiedersehen würde. Sebastian, wie er eigentlich hieß, hatte die längste Anreise. Er wohnte in der Schweiz, woher die Familie stammte. Mit ihm hatte er noch einige Jahre Kontakt gehalten. Aber wie es so oft geschieht, hatte das tägliche Leben und der neue Bekanntenkreis seine Aufmerksamkeit gefordert.
Als er bei dem „Hotel am Wasserfall“ in Lingen ankam, musste er grinsen: Typisch Elisabeth, das beste Haus am Platze buchen. Nicht kleckern, sondern klotzen. 
Entsprechend war der Empfang. Als sie ihn sah, kam sie direkt auf ihn zu und ließ ihm keine Zeit, seine Sachen abzustellen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als alles fallen zu lassen und ihre Umarmung zu erwidern.
„Mann, Hans, alter Kumpel, siehst gut aus! Wie geht es dir? Gute Anfahrt gehabt? Und deine Familie, alles in Ordnung? Komm, ich helfe dir mit den Sachen.“
Sie nahm ihm die Reisetasche ab und lief voraus zur Anmeldung. „Wenn ich nicht schnell genug bin, meldet sie mich auch noch an wie ein unmündiges Kind“, dachte er. „Aber es ist gut gemeint.“ Er schaffte es, sich vorzudrängeln und die Meldeprozedur selber in die Hand zu nehmen.
Elisabeth sagte: „So, nun bring erst mal deine Sachen auf dein Zimmer. Wir sitzen alle auf der Veranda dort hinten. Soll ich dir schon was zu trinken bestellen?“
Hans bejahte und bestellte einen Kaffee. Dann brachte er seine Sachen aufs Zimmer. Er inspizierte kurz das Bad und stellte seine Tasche ab. Danach lief er zur Veranda. Er wurde mit lauten Rufen begrüßt. Alle wollten ihn umarmen und er musste viele Male sagen, dass es ihm gut ging. Genau so oft fragte er, wie es seinem Gegenüber ginge. Dann setzte er sich hin. Allmählich nahm das Gespräch Kontur an und man hörte sich gegenseitig zu. Basti hatte sich nach der Begrüßung etwas zurückgehalten. Jetzt rückte er beiseite und fragte Hans: „Na, wie sieht es aus? Hast du noch die elektrische Eisenbahn von früher? Darauf war ich immer neidisch. Wir hatten gar keinen Platz für so was. Aber ich weiß noch ganz genau, wie meine Schwester Jahre lang gebettelt hat, eine zu bekommen, nachdem sie sie bei dir gesehen hatte.“ Hans erwiderte, er habe die Eisenbahn im Keller verstaut. Die Arbeit und die Familie vereinnahmten ihn zu sehr, um den Aufwand des Aufbaus auf sich zu nehmen. Dazu müsse er zuerst den Dachboden ausbauen und das war nicht drin.
Basti sagte, sie müssten abends mal in einer ruhigen Minute weiterschnacken. „Jetzt wollen die anderen erst einmal wissen, was jeder so gemacht hat.“
Der Abend war gut organisiert. Es gab ein gemeinsames Essen, wonach sie sich in einen Raum zurückziehen konnten, um ungestört reden und feiern zu können. Es wurden, wie es bei solchen Treffen üblich ist, reichlich Anekdoten erzählt. „Wisst ihr noch?“ war die meistgestellte Frage. Adressen und Fotos wurden ausgetauscht. Hans hörte amüsiert zu. „Wenn man das so hört, war die Schulzeit doch nicht so übel.“ Damals waren die meisten anderer Meinung. In der Schule herrschte noch der Geist der Fünfziger. Jungen und Mädchen hatten getrennt Sportunterricht, die Jungen hatten das Fach „Werken“, die Mädchen „Handarbeiten“. Technik war nichts für Mädchen. Die Erziehung war noch sehr geschlechterspezifisch.
Allmählich verabschiedeten sich die Klassenkameraden, die nicht im Hotel übernachteten, sondern wieder nach Hause gingen. Von den übrigen wollten ein paar schon ins Bett, und so blieben noch drei Teilnehmer übrig. Elisabeth, Basti und Hans setzten sich im Foyer in gemütliche Sessel und bestellten etwas zu trinken. Basti knüpfte an seine Frage, die er auf der Veranda gestellt hatte, an: „Du Hans, das mit der elektrischen Eisenbahn, das hat bei uns noch lange nachgewirkt. Meine Schwester Paula, du weißt ja wohl, die Kleine. Die war hin und weg und nicht von der Idee abzubringen, auch eine elektrische Eisenbahn zu haben. In der Vorweihnachtszeit hatte die Kaufhalle eine große Landschaft mit Häusern, Bäumen, Bergen und Tunnel im Schaufenster aufgebaut. Jedes Mal, wenn wir in der Stadt waren, kamen wir daran vorbei. Sie wollte dann immer sehen, wie die Züge herumfuhren. Sie konnte stundenlang vor dem großen Schaufenster des Kaufhauses stehen und zuschauen. Sie wünschte sich auch so eine elektrische Eisenbahn. Nicht irgendeine, sondern eine Markeneisenbahn, Spur H0. Aber jedes Mal, wenn Paula ihren Wunsch äußerte, wurde der von unseren Eltern abgetan mit der Bemerkung, das sei doch nichts für Mädchen. Die könnten doch gar nicht mit der Technik umgehen, das sei etwas für Jungen. Sie solle sich lieber an das halten, was auch andere Mädchen sich wünschten. Es gäbe doch so schöne Puppen, die man an- und auskleiden konnte, mit Schlafaugen und die „Mama“ sagten, wenn man sie nach vorne kippte.“
„Ach, die Arme“, meinte Elisabeth. „So eine Puppe wollte ich auch immer haben. Ich habe sie dann nach zwei Jahren betteln bekommen.“
Basti berichtete von den kleinen Dramen, die sich da abspielten: „Meine Mutter erzählte von ihrem großen Wunsch, eine echte Puppe aus Kunststoff zu besitzen, mit beweglichen Armen und Beinen, mit Augenlidern, die sich schlossen, wenn man sie auf den Rücken legte. Und mit vielen schönen Kleidern und einem Puppenwagen. Ihr Wunsch sei nie in Erfüllung gegangen. Solche Puppen waren viel zu teuer. Sie bekam eine Stoffpuppe mit angenähten Händen und Füßen aus Keramik und mit selbst genähten Kleidern. Sie wäre zuerst zwar sehr enttäuscht gewesen, aber schon bald hatte sie ihre Lisa innig geliebt und überall mit hingenommen. Lisa sah nach einigen Jahren ziemlich ramponiert aus und war schon mehrmals geflickt worden. Aber es war ihre Lisa. Deshalb war es so schlimm, dass Lisa verloren ging, als sie kriegsbedingt umziehen mussten. Ich fand diese Erzählung, die sowohl als Ermahnung als auch als Trost dienen sollte, unfair. Ich habe gefragt: „Warum kann Paula nicht mit einer Eisenbahn spielen? Ich kann ihr doch helfen.“ Aber mein Vater ließ sich nicht überreden.“
Hans staunte. Das alles hatte er damals nicht gewusst. Er sagte: „Das tut mir aber leid. Wenn ich das gewusst hätte …“.
Aber Basti meinte: „Du kannst doch nichts dafür. Das war eine Sache, die viel mit den Ansichten in der Zeit zu tun hatten. Mädchen spielen mit Puppen. Die Argumente unserer Eltern verfehlten bei Paula aber ihre Wirkung. Sie konnte nicht gegen das große Verlangen ankämpfen. Sie hatte auch eine Puppe und liebte die ebenfalls, aber das war unabhängig von ihrem Wunsch, eine elektrische Eisenbahn zu besitzen. „Das ist etwas ganz anderes. Da kann man immer mehr an dem Tableau hinzufügen, die Details erweitern und Lokomotiven und Waggons zukaufen“, hat sie immer wieder vorgebracht. Was sie nicht ahnte, war, dass gerade diese Möglichkeiten, die dem System innewohnten, bei unseren Eltern die Ablehnung noch verstärkten. Dieser Wunsch nach immer mehr ließ sie für die finanziellen Folgen zurückschrecken, unabhängig von der Vorstellung, dass Mädchen nicht mit Jungenspielsachen spielen sollten. Sie bekam immer wieder als Antwort: „So was ist doch nichts für dich. Wie willst du die Elektrik denn anschließen? Das ist zu teuer und zu schwer.“
„Meine Schwester saß nach einer solchen Diskussion, die eigentlich schon keine mehr war, sondern eine Wiederholung der Argumente in ihrem Zimmer und konnte sich nicht beruhigen. Ich versuchte dann, sie zu trösten. Ich habe ihr vorgeschlagen, dass ich mir eine Eisenbahn wünsche. Dann könnte sie mitspielen. Aber es half nichts. Mitspielen, während ihr Bruder bestimmte, das wollte sie auf keinen Fall. Sie sagte: „Ich will aber selber eine Eisenbahn haben und selber bestimmen, wie die aussieht.“ Kann ich nachvollziehen.“
Hans war über diesen ausführlichen Bericht bestürzt. Er hatte nie gedacht, dass es bei Basti zu Hause so viel Spannung gegeben hat. Was war er doch blauäugig gewesen! Er hatte bei Weiß zu Hause immer den Eindruck gehabt, dass es lauter Friede, Freude, Eierkuchen gab. Er wagte nicht, Basti zu weiteren Geständnissen zu verleiten. Es ginge ihm schließlich nichts an und es lag auch schon eine Ewigkeit zurück. Basti hatte aber anscheinend das Bedürfnis, einiges loszuwerden.
„Sie hatte sich angewöhnt, die Traurigkeit dadurch zu verringern, dass sie sich alte Prospekte anschaute und die Bilder der Züge abmalte. Dabei konnte sie eine Landschaft erfinden und diese mit Figuren bestücken. Sie stellte sich vor, wie sie den gemalten Plan umsetzen würde. So wurde der Schmerz geringer und sie konnte sich wieder anderen Dingen zuwenden. Sie hat oft gemalt.“
Elisabeth war betroffen von der Traurigkeit, die aus Bastis Erzählung sprach: „Das ist schade. Ich kann verstehen, dass es finanziell nicht drin war. Aber diese Einstellung damals. Obwohl, auch bei uns galten wohl die gesellschaftlichen Zwänge. Ich habe es nur nicht so mitbekommen, weil ich mir nie eine Eisenbahn gewünscht habe. Aber wenn ich so überlege, als ich eine Jeans haben wollte, meinten meine Eltern, dass Mädchen Röcke und Kleider tragen. Jeans waren verpönt als Rockerklamotten.“
Nach einem Schluck Whisky erzählte Basti weiter:
„Unglücklicherweise liegen der Geburtstag meiner Schwester und Weihnachten nur zwei Wochen auseinander. Dadurch machten sich beide Ereignisse Konkurrenz. Paula scheute davor zurück, ihren Herzenswunsch wieder vorzubringen. Die Argumente waren benannt und sie wollte keinen Streit oder dem Vorwurf neue Nahrung verschaffen, dass das Thema doch schon mehrmals entschieden sei. Aus dem, was sie mir anvertraute, hörte ich heraus, wie sie zerrieben wurde zwischen ihrem Wunsch und dem Bedürfnis, die Eltern nicht in schlechte Laune zu versetzen. Das war für alle Beteiligten eine belastende Situation. Und vor allem das Weihnachtsfest sollte doch schön sein und gemütlich.“ 
„Du meine Güte“, meinte Elisabeth, „da hat die ganz schön zu knabbern gehabt. Haben deine Eltern das überhaupt mitbekommen?“
Basti sagte: „Doch, meine Mutter hat immer wieder versucht, sie zu vertrösten. Aber wie ich schon sagte, die Versuche rissen natürlich auch die Wunde wieder auf. Zu Weihnachten bekam sie einen Farbkasten mit Pinseln und Malpapier. Sie malte mit den Wasserfarben eine Lokomotive. Das hat mich getroffen. Ich habe es als einen stillen Vorwurf an meine Eltern begriffen.“
„Hatte sie denn keine Freundinnen, mit denen sie draußen spielte?“, fragte Elisabeth.
„Ja, doch“, sagte Basti, aber die hatten alle nichts mit Jungenspielzeug am Hut. Die hatten ihre Puppen und waren damit zufrieden. Und meine Schwester spielte auch mit denen, auch mit den Puppen. Es war nicht so, dass sie keine „Mädchensachen“ hatte. Aber eben nicht nur. Mit ihren Freundinnen spielte sie die typischen Mädchenspiele wie Seilspringen, Himmel und Hölle, Stelzenlaufen und Hula-Hoop. Und da die anderen Mädchen kein Interesse an eine elektrische Eisenbahn hatten, wurde das Thema nicht erörtert.“
„Und wie ist es letztendlich ausgegangen?“, wollte Hans wissen, „hat sie sich später selber eine elektrische Eisenbahn gekauft?“
„Nein“, sagte Basti, „als sie älter wurde, fingen sie und ihre Freundinnen natürlich an, sich für Jungen zu interessieren. Da kamen andere Wünsche und Sorgen auf. Sie hat sich oft mit meinem Vater gestritten. Der bestand darauf, dass sie abends um zehn Uhr zu Hause war. Sie fand es gemein, dass ich bis zwölf wegbleiben durfte.“ 
Elisabeth wollte wissen, was Paula nach dem Schulabschluss gemacht hatte.
„Sie hat ein Architekturstudium begonnen, wohl wissend, dass das nicht den üblichen Erwartungen entsprach. Allerdings hat sie nicht zu Ende studiert. Ihr Leben nahm, nachdem sie heiratete, die allgemein übliche Wendung. Sie erzählt aber manchmal, dass die Erinnerung an ihren Kindheitstraum, eine Eisenbahn zu besitzen geblieben ist.“


                                                  © 2025 Rodion Farjon



In lockerer Reihenfolge werde ich hier über meine Aktivitäten Auskunft geben, Texte, Gedichte, Sprüche und Bilder veröffentlichen, die neben den Beiträgen auf meiner Homepage den aktuellen Stand meiner Tätigkeiten wiederspiegeln.

Ich hoffe, die Beiträge machen neugierig auf mehr.