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Zweifel

Iris schaute ihr Gegenüber verwirrt an. Ihre Züge wirkten angespannt. Sie runzelte leicht die Stirn. 
Das Gespräch war bis dahin locker verlaufen. Sie war einer Einladung der örtlichen Theatergruppe gefolgt. Die Gruppe suchte Mitstreiter und Mitstreiterinnen, um den Fortbestand zu sichern und mehr Auswahl bei der zu spielenden Stücke zu ermöglichen. Eingeladen waren alle, die Spaß am Theater spielen hätten. Vorkenntnisse wurden nicht verlangt.
Eine Bemerkung traf Iris unerwartet. Sie hatte gefragt, ob es recht sei, wenn sie vorerst nur bei den Proben mitmache oder ob sie sofort in einem Stück mitspielen müsse. Die Antwort lautete, dass in der Gruppe auch die Anfänger bereit sein müssten, die erforderlichen Aufgaben ohne Ausnahme zu übernehmen. Ihr überkam Zweifel an der Richtigkeit ihres Vorhabens, dort mitzumachen. Die nachgeschobene Bemerkung, man erwarte, dass sie mit Kritik umgehen könne, verstärkte ihr Unbehagen. Während Iris zuhörte, beschäftigten ihre Gedanken sich mit Überlegungen. Was genau verlangten sie von ihr, wie würden sie auf Fehler reagieren, gäbe es noch weitere Neulinge, die nur wenig Bescheid wussten? Würde sie sich mit einigen Mitgliedern so gut verstehen, dass sie sich an sie wenden könnte? 
Ihr saßen eine Frau und ein Mann gegenüber, die sehr unterschiedlich auf sie wirkten. Die Frau, die sich als Gina vorgestellt hatte, führte das Wort. Der Mann, dessen Namen sie nicht richtig verstanden hatte, war still und nickte nur gelegentlich oder wiederholte mit anderen Worten einiges, was schon gesagt wurde. Er wirkte dabei diplomatischer, legte die Betonung mehr auf ein Miteinander. Iris fühlte, wie ihr immer heißer wurde. Und das brachte sie noch mehr in Verlegenheit. Ein Teufelskreis. So ging es ihr immer wieder, wenn die Situation in ihr einen Alarm auslöste. Sie bekam rote Flecken am Hals und probierte sich einzureden, dass alles in Ordnung sei. Aber die gleichzeitige Beschäftigung mit ihrer Angst und mit dem, was ihr gesagt wurde, machte die Konzentration auf das Gespräch schwer. Iris hatte das Gefühl, dass sie schon nach einigen Minuten nicht mehr wusste, was davor gesagt worden war. Mitten in ihren Überlegungen wurde sie gebeten, sich mit den beiden die Räume anzusehen. Das verschaffte erst mal Erleichterung. Sie wurde nicht mehr ununterbrochen beobachtet.
Die Theatergruppe verfügte nicht über eigene Räume, sondern benutzte die ihr von der Volkshochschule zur Verfügung gestellten Möglichkeiten. Es sah alles ziemlich eng und einfach aus. Der Theaterraum war eine Aula, in der verschiedene Veranstaltungen stattfanden. Als Umkleide diente eine Art Abstellraum, in der auch einige Requisiten gelagert wurden. Vieles bewahrten die Mitglieder zu Hause auf. 
Bei der Vorstellung, sich zusammen mit anderen, vielleicht sogar im Beisein von Männern umziehen zu müssen, wurden Iris Bedenken größer. Das musste sie genauer wissen. Aber sie wollte nicht jetzt schon nachhaken. Sie musste sich noch viele Fragen durch den Kopf gehen lassen. 
Nach der Besichtigung gingen sie wieder zurück in das Besprechungszimmer. Jetzt kamen Fragen nach ihren Kenntnissen und Vorstellungen. Sie konnte nicht mehr vorweisen als ihre Teilnahme an der Theater-AG der Schule. Dort hatte sie zwei Jahre lang in einigen Aufführungen eine kleinere Rolle gehabt. Die AG wurde von einem Lehrer geleitet, zu der sie großes Vertrauen hatte. Er konnte die Schüler und Schülerinnen für das Theater begeistern und las mit ihnen Stücke aus der Literaturgeschichte und moderne Werke. Er besuchte mit ihnen Aufführungen und ließ sie selber probieren und agieren. Vor allem die Theaterbesuche, teilweise in anderen Städten, interessierten Iris. Für sie baute sich dort eine fremde, faszinierende Welt auf, die sie so sehr in ihren Bann zog, dass sie das Geschehen als Realität empfand. Sie vergaß alles um sich herum, es war wie in einem Traum. Diese Erlebnisse hatten in ihr das Verlangen ausgelöst, auch so spielen zu können und Teil dieser Traumwelt zu werden.
Die Auskünfte schienen den beiden zu genügen. Die Frau fing an zu erklären, welches Stück sie demnächst einstudieren wollten. Aufgeführt würde es erst in einem halben Jahr, genügend Zeit also um sich einzugewöhnen. Der Text, den Iris bekam, war achtlos kopiert, teils schief oder mit einem dunklen Rand, weil der Deckel des Kopierers zu früh angehoben wurde. Das enttäuschte sie. Mag sein, dass ein kreativer Geist keinen Wert auf Ordnung legt, aber Iris mochte eine derartige Nonchalance nicht. Sie befürchtete, dass der Umgang untereinander ebenso lieblos sein könnte. Das machte sie erneut argwöhnisch. Dann sagte sie sich jedoch: „Das ist ein Vorurteil. Warte doch mal ab, was passiert.“ Sie hatte das hier angefangen und jetzt galt es, nicht gleich wieder aufzugeben. Iris nahm sich vor, den Text sauber abzutippen und ihren Part hervorzuheben. Sie sollte die Nichte Anna eines schrulligen Alten spielen, die in allerhand Rätsel verwickelt wurde. Am Ende löste sich natürlich alles in Wohlgefallen auf und Anna wurde für ihre Mühe belohnt.
„Ziemlich einfältig“, dachte sie. Aber wenn sie spielen wollte, hatte sie keine Wahl. Ihr war klar, dass sie beim ersten Mal keine Ansprüche stellen konnte. Um zu zeigen, dass sie Interesse hatte, fragte Iris, wie oft geprobt wurde und ob sie bei der Kleidung auf bestimmte Merkmale achten sollte. Als sie erfuhr, dass die Proben immer Mittwochabend und Samstagnachmittag abgehalten wurden, schluckte sie. Der Mittwoch war bei ihr einmal im Monat belegt mit einem Freundinnentreffen, das zwar am Nachmittag anfing, sich jedoch regelmäßig bis in den Abend hinzog. „Wie spät ist das am Mittwoch?“, fragte sie. Angefangen wurde um neunzehn Uhr, beendet wurde der Abend etwa um zehn.
„Drei Stunden!“, dachte Iris, „das halte ich nie durch!“
„Wir machen natürlich Pausen“, erklärte Gina, die ihren nachdenklichen Blick registriert hatte. „Meistens trinken wir Tee oder Kaffee.“
„Oder auch ein Bierchen und auch mal einen Schnaps“, fügte der Mann hinzu. Er war lange still gewesen und hatte sich im Hintergrund gehalten. Er lehnte an die Schreibtischkante rechts von Iris, während Gina ihr direkt gegenüber saß. Sie begann Ginas Äußeres genauer zu betrachten. Aufgefallen war ihr schon gleich, dass sie stark und in kräftigen Farben geschminkt war, die Lippen knallrot, die Augenpartie stark betont und die Augenbrauen schwarz nachgezogen. Ihr Haar war schwarz gefärbt und hatte einen leicht lila Schimmer. Es war kurz frisiert und stand struppig ab. „Wie die abgeschminkt wohl aussieht“, dachte Iris. Ginas Kleidung sollte wohl ihren kreativen oder künstlerischen Geist unterstreichen. Schwarz und Eng anliegend, das war der vorherrschende Eindruck. Iris war so in ihren Überlegungen vertieft, dass sie nicht mitbekommen hatte, dass Gina sich informiert hatte, ob es noch Fragen gäbe. Iris hatte das Gefühl, erst einmal an die frische Luft zu müssen um sich alles in Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen. „Ich glaube vorerst nicht“, sagte sie. Gina teilte ihr den nächsten Probentermin mit. Erst in vierzehn Tagen würde es losgehen. Sie würde sich noch melden, um Näheres zu besprechen. Beim Abschied reichte der Mann ihr die Hand, Gina begnügte sich mit einem „Dann mal los!“
Draußen vor der Tür schlug Iris die Hitze des Sommertages entgegen. Das grelle Licht ließ sie kurz die Augen schließen. Als die sich drehenden Farbringe verblassten, öffnete sie sie wieder. Neben der Überlegung, was sie jetzt als erstes unternehmen sollte, fragte sie sich: „Was habe ich da begonnen? Will ich das wirklich?“
Unentschlossen lief sie in Richtung Innenstadt.

        © 2025 Rodion Farjon


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